Masturbation beim Cis-Mann: Was ich gelernt habe

Tür zu. Immer die Tür zu und darauf achten, dass die Tür abgeschlossen ist. Der PC ist schon längst hochgefahren, das Toilettenpapier für eine Sekunde unter der Decke versteckt. Es läuft, wie es immer läuft.

Trotzdem nichts gefunden. Wieder auf die Lieblingskategorie geklickt. Das ist er. Endlich. Fünf Minuten für mich. Konzentriertes Starren. Fertig. Der kurze Moment der Befriedigung erfüllt mich, aber die Regelmäßigkeit dieser Augenblicke macht etwas mit mir. Ich suchte einen kurzen Moment für mich. Was ich fand: ein zerstörtes Verhältnis zu mir, meinem Körper und der Angst, so zu lieben, wie ich das wollte. Und was Masturbation eigentlich sein kann, aber für mich geworden war.

Die obige Szene spielt sich in meiner Jugend ab. Seitdem ich 14 Jahre alt bin, vielleicht sogar schon früher, ist Masturbation Teil meines Lebens. Sobald mich Langeweile überkam, schloss ich die Tür ab und war alleine. Nur ich, meine heruntergelassene Hose und die nackten Körper von Frauen mit großen Brüsten auf Bildschirmen. Vor oder hinter ihr ein Mann mit durchtrainiertem Körper, einem absurd großen Penis und dem immer gleichen Ablauf von Sex.

Mehrmals in der Woche schaute ich Pornos, über Jahre – und tue es bis heute. Zwar nicht mehr so regelmäßig, aber trotzdem.  Pornos schauen war eine kleine Sucht geworden, ein Verlangen, eine zur Routine verkommene Bestätigung.

Dieser Austausch mit mir selbst war reduziert auf die ständige digitale Verfügbarkeit von Frauen und der kostenlosen und unbegrenzten Möglichkeit, Pornos zu konsumieren. Und diese hatten feste Strukturen und waren klaren Regeln unterworfen: (Cis) Männer sagen der Frau, wo es lang geht und wie der Sex läuft. Küssen, Blasen, Penetration, Abspritzen, Fertig. Als 14-jähriger, pubertierender Junge dachte ich, dass das auch in der realen Welt so sein müsste. Der Junge macht den ersten Schritt, hat zu sagen, wann wer Lust hat und kümmert sich nur bedingt darum, was das Mädchen will. Sobald sie nackt war, musste der Sex folgen. Und dieser Sex hatte klare Gewinner: Männer.

Bis vor Kurzem bin ich so durch das Leben gelaufen und erst jetzt merke ich langsam, was das mit dem Verhältnis zu meinem Körper gemacht hat. Bei fast jedem Porno, den ich sah, gab es unumstößliche Muster. So wie ein Pop-Song, der immer gleich klingt und sich nicht verändern muss, weil er erfolgreich ist. Jeder Porno war bestückt mit Männern, die ausdauernd und muskelbepackt Penetrationssex performten. Das Vorspiel und Kuscheln danach wird nebensächlich. Care-Arbeit also eigentlich nur für mich.

Laut wissenschaftlichen Studien und den Meinungen führender Sexualtherapeut*innen führt übermäßiger Pornokonsum zu einem verzerrten Bild von Sexualität. Dabei kommen Jungen durchschnittlich bereits mit ungefähr 14 Jahren mit pornographischen Inhalten in Berührung, wie eine Studie der Universitäten Münster und Hohenheim zeigt. Also einem Alter, in dem aufgrund fehlender sexueller Erfahrung der Konsum zu unrealistischen Vorstellungen von Sex und Erwartungshaltungen an den eigenen und fremden Körper und Intimität führt. Das liege auch daran, dass nur rund vier Prozent der Konsument*innen auch wirklich danach den Kontakt und Austausch über das, was sie gesehen haben, suchen und darüber reden möchten. Über die Hälfte tut genau das nicht und merkt zu spät, was das bedeutet. Die Folgen sind offensichtlich: Fehlender emotionaler Austausch sowie problematische Vorstellungen über Anforderungen an Männlichkeit. Das größte Problem jedoch ist, dass dies zu einem Besitzanspruch gegenüber weiblich gelesenen Körper führt, und dabei nicht zuletzt auch zu sexualisierter Gewalt. Pornos sind dabei nur ein Spiegel einer (hetero)-sexistischen Gesellschaft. Sexistische sowie oft auch rassistische Geschlechtestereotype finden dort ebenso Platz. Das führt zunehmend auch zu einem unsicheren Verhältnis zum eigenen Körper – und Bodyshaming, weil entweder Männer das Gefühl kriegen, dass ihr Körper nicht attraktiv genug ist oder sie selber überzogene und problematische (Besitz)Anforderungen an weibliche gelesene Körper stellen.

Es war wieder sehr spät am Abend, ungefähr halb eins. Wieder suchte ich nach fünf Minuten Ruhe, aber dieses Mal schaute ich mich selbst an und nicht die Frau auf dem Bildschirm mit den großen Brüsten. Ich vergaß die bereits sechs geöffneten Tabs und fragte mich: War mein Penis zu klein? Mein Bizeps zu undefiniert? Und die Frau wirklich gewollt so unterwürfig? Ich kam nicht mehr heraus aus dieser Spirale aus Angst, Zweifel und ständigem Druck, bei jedem One-Night-Stand die ultimative Show abliefern zu müssen. Ich glaubte nicht wirklich, genauso mit Frauen schlafen zu müssen, wie es mir in Pornos gezeigt wurde. Doch durch die Pornos machte ich mir selbst Druck, mit einem großen Penis so gekonnt umgehen zu können, damit die Frau durch harten penetrativen Sex zum Orgasmus kommt. Masturbation war für mich kein Pleasure, es war wie Hausaufgaben machen und für eine Klausur lernen, die nur Verlierer*innen kannte. Ich tat es nur, um mich zu beruhigen, aber nicht, um ein Gefühl für meinen Körper und meine Bedürfnisse zu bekommen.

Dieses Gefühl baute sich seit meiner Jugend jahrelang auf  und verfestigte sich in meinem Kopf. Aus Überforderung schlief ich eine Zeit lang nicht mit Frauen, ich hatte Angst, abgewiesen zu werden. Ich traute meinem eigenen Körper nicht und verlor Selbstwertgefühl. 

Ich wollte unbedingt der  harte Mann in einem der sechs Tabs sein und nicht ich selber, der nackt auf seinem Stuhl saß und auf das MacBook starrte. Ich erlernte Spielregeln für meine Männlichkeitsperformance, die ich noch heute spüre. Ich war unsicher, aber spielte den starken Mann. Ich war verzweifelt, weil ich nicht nur harten Sex, sondern auch kuscheln wollte, aber dachte, dass es anders sein muss. 

Man muss sich bewusst machen, wie groß der Einfluss von jahrelangem Pornokonsum sein kann. Denn wenn ich mit vielen Freunden darüber spreche, sagen mir die wenigsten, dass sie ohne Pornos masturbieren. Weil es “länger” dauert und es doch schneller geht.
Aus diesem Kreislauf herauszukommen ist schwer, aber es gibt Wege daraus. Dazu gehört auch, darüber ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen. Denn der Konsum ist nicht per se schlecht. Die Mainstream-Pornos, die eine bestimmte Vorstellung von Intimität darstellen und dabei vor allem sexistische Frauenbilder fördern, sind das eigentliche Problem.

Mittlerweile hat sich mein Pornokonsum  verändert. Dass ich ganz aufgehört hätte, Pornos zu schauen, wäre eine Lüge. Verschiedene Regisseur*innen haben einen anderen Zugang und beschäftigen sich in ihren Filmen kritisch mit stereotypen Sex- und Körpervorstellungen. Diese feministischen Pornos sind weniger auf die Bedürfnisse von männlichen Körper fixiert, sondern bilden im Konsens verabredeten, realen Sex ab, der jede Art von Intimität zulässt und unterschiedlichen Körperformen Raum gibt.

Masturbation kann ein Schlüssel dazu sein, wenn man sein Verhältnis zu sich und seinem Körper verändern will und seine Intimität so ausleben möchte, wie es sich gut und ungezwungen anfühlt. Mittlerweile versuche ich auch mal ohne Pornos zu masturbieren – mal mit Toys oder auch Audio-Porn. Und immer versuche ich selbst zu sein und nicht der Typ auf dem Bildschirm. Und das tut mir gut.

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