Ein Interview mit Bodyworker Mareen Scholl

Holistic Bodywork ist Somatisches Coaching und traumasensible Körpertherapie mit einem ganzheitlichen Verständnis für das Wechselspiel zwischen Körper, Geist, Gefühlen und Spiritualität.

Du bist Expertin für “Holistic Bodywork”. Was genau bedeutet das und was hat Sexological Bodywork damit zu tun bzw. worin bestehen die Unterschiede?

Holistic Bodywork ist Somatisches Coaching und traumasensible Körpertherapie mit einem ganzheitlichen Verständnis für das Wechselspiel zwischen Körper, Geist, Gefühlen und Spiritualität. Das heißt, sobald ich mit einem Menschen arbeite oder einen Körper berühre, nicht nur der Körper oder nur eine Ebene berührt wird, sondern immer alle Körperebenen gleichzeitig wirken. Durch das Verständnis, wie sich kindliche Entwicklungsumstände und Traumastrukturen auf unseren Körper, Persönlichkeit und Beziehungen auswirken setzt die Arbeit nicht nur zielorientiert am Symptom an sondern lädt die Menschen ein, achtsam in die Tiefe zu gehen und sich dem Kern anzunähern, um Veränderung oder Heilung zu bewirken, sowohl von physischen als auch emotionalen Herausforderungen, aber auch bei der Realisierung von Herzensangelegenheiten, Visionen und Transformationsprozessen. Ich habe meine Ausbildung bei Pascal Beaumart und seinem Team gemacht. Heute fließen einige Elemente wie zum Beispiel die somatische Gesprächsführung auch in die Sexological Bodywork-Ausbildung ein, die ich mit unterrichte. Sexological Bodywork und Holistic Bodywork haben eine sehr ähnliche Grundhaltung, nämlich, dass es bei der Arbeit mit Menschen darum geht, sie mit ihren eigenen Ressourcen und ihrer Selbstwirksamkeit zu verbinden, so dass Veränderung, Wachstum und Lernen aus den Menschen selbst kommen. Beide Ansätze wissen um die Bedeutung und Weisheit des Körpers und die Kraft der Neuroplastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, seinen Aufbau und seine Funktionen durch somatische Verankerung und Übung neu auszurichten und damit Gewohnheiten und Muster, Denk- und Verhaltensweisen zu verändern. Die Selbstregulation von Nervensystem, Emotionen und Erregungszuständen ist eine wichtige Basis. Ich arbeite ganz konkret mit der körperlichen und somatischen Erfahrung der Menschen, um sie mit sich selbst und ihrem Spüren in Kontakt zu bringen. Dabei arbeite ich sowohl mit Hands-On-Körperarbeit als auch Hands-Off im somatischen Prozess mit Achtsamkeit, Atem, Stimme, (Selbst-)Berührung und Verbalisierung. Im Sexological Bodywork ist es auch möglich, den nackten und intimen Körper, die Brust, die Genitalien und den Anus in das Bewusstsein, aber auch in die Berührung mit einzubeziehen. Sinnliche Berührung, Erregung oder Stimulation kann ein wichtiger Bestandteil sein, wenn ich Hands-On arbeite, um die Menschen mit ihrem sinnlichen Körper, ihrem sexuellen Wesen und ihren Emotionen zu verbinden. Das wichtige ist, im Gegensatz zu einem klassischen Massagesetting, dass es immer um ein Lern- und Entwicklungsthema geht, auf das wir uns im Vorgespräch gemeinsam verständigen. Außerdem bin ich, anders als in der Tantramassage, als Coach immer bekleidet. Im Sexological Bodywork begleite ich Menschen vor allem mit Themen zu Körper, Sexualität, Intimität, Identität und Beziehung. Wir laden Genuss, Lust und eine erfüllende Sexualität als Ressource und Lebenskraft ein, erforschen, wie sie ihr Potenzial für erotische Lust, sinnlichen Genuss und liebevolle Intimität erweitern können oder was dem im Wege steht. Der intime, erotische und sexuelle Körper ist ein großes Tabu in unserer Gesellschaft, wird funktionalisiert und durch Machtstrukturen manipuliert und unterdrückt. Menschen dabei zu begleiten, diesen Körper zunehmend selbstbestimmt zu bewohnen kann eine sehr lustvolle, aber auch herausfordernde Reise sein, bei der einem ganz neue Genüsse, aber auch viel Schmerz und Unsicherheiten begegnen können. Da in die eigene Kraft zu kommen heißt oft auch, der eigenen Verletzlichkeit zu begegnen. Im Kern geht es oft um das somatische Wahrnehmen der eigenen Wünsche, Grenzen und Impulse und darum, wie ich das in verbale Kommunikation, körperlichen Kontakt und Ausdruck mit mir selbst oder einem Gegenüber bringe. Oder auch, wie ich das in meine eigene Identität ganz selbstverständlich und alltäglich integriere und gesellschaftlich lebe. Das ist sehr persönliche, aber auch ganz politische Forschung und Ermächtigung.

Wie bist du auf das Arbeitsfeld gekommen und wie sah der Weg dorthin aus?

Ich habe mich während meines Studiums und meines Berufs als Kulturarbeiterin theoretisch und praktisch mit der sozialen Plastik nach Beuys, Begriffen wie dem sozialen Organismus und Ansätzen partizipativer und interventionistischer Kunst und Kultur vor allem im Bereich der Nachhaltigkeit beschäftigt. Dabei wurde mir die Bedeutung des Körpers und der ganzheitlichen Erfahrung für persönliche und kollektive Veränderung bewusst. Außerdem haben mich Geschlechterrollen, Gesellschaftsstrukturen und Machtverhältnisse interessiert, während zugleich meine sexuelle Forschungsfreude und Menschenliebe wieder erwacht ist. Das hat mir einerseits die Welt des BDSM und Kink und der Sexarbeit eröffnet, zum anderen das Universum der Körperarbeit und Somatik, Tantra und Tao. Diesen Weg gehe ich nun seit etwa 12 Jahren. Noch ist kein Ende in Sicht. Nur immer wieder ganz viel Veränderung, neues Spüren und ungeahnte Tiefen und Verfeinerung.

Wie läuft eine typische Sitzung bei dir ab?

Eine Sitzung dauert meist 2-2,5 Stunden. In einem Vorgespräch schauen wir, was Körper und Geist zu dem Thema sagen und klären die Intention bzw. praktische Vereinbarung für die Körperarbeit. Wie gesagt kann die Körperarbeit konkret mit Berührung oder Massage durch mich stattfinden, aber auch ohne Berührung, durch Anleitung, somatischen Prozess und Ausdruck oder Selbstberührung das Thema und die eigene Verkörperung erforscht werden. Während der Körperarbeit sind wir mit mal mehr, mal weniger Worten stetig darüber in Kommunikation miteinander, was geschieht, was geschehen soll, wie man sich selbst unterstützen kann, wie sich das anfühlt und was das mit einem macht. Im Nachgespräch reflektieren wir den Prozess und verankern das Lernen nochmal abschließend im Körperbewusstsein.

Du bietest sowohl Einzelsitzungen als auch Gruppenworkshops an. Worin besteht der Unterschied in deiner Vorgehensweise und wie kann man sich die Sitzungen vorstellen?

In Workshops leite ich Menschen vor allem zu ihren eigenen Forschungen und Erfahrungen mit sich und untereinander an und halte dafür den Raum. Bei einer Einzelsitzung kann ich mich mehr auf das persönliche Thema fokussieren und mit der Klient*in in die Tiefe gehen. Für viele Menschen ist das ein sicherer Rahmen, um persönliche Herausforderungen anzugehen, oder sich mit sehr spezialisierten oder fortgeschrittenen Potenzial- und Lernthemen zu beschäftigen. Ich bin dabei eine wichtige Begleit- und Expertiseperson. Ein Workshop lebt von der Vielfalt der Gruppe und dem kollektiven Lernfeld, was gerade beim Thema Sexualität und Beziehung ganz wichtig ist. Da können die eigenen Themen ganz spürbar und greifbar und eine neue Intimität gelebt werden. Das eignet sich auch bei schwierigen Themen, aber vor allem auch für Menschen, die Lust haben zu forschen und auszuprobieren und dafür schon ein gewisses Maß an Selbstregulation, Ressourcen und Bewusstheit mitbringen. Beides kann sich toll ergänzen.

Was gefällt dir besonders gut an deiner Arbeit und was fällt dir schwer?

Ich liebe die Vielfalt an Menschen und Themen, die mir begegnen und was ich selbst davon lerne. Die Arbeit über den Körper und mit Sexualität geht schnell in die Tiefe und Menschen werden sichtbar mit ihrem Schmerz und ihrer Kraft. Das ist sehr berührend und erlaubt mir, über meine eigene Erfahrung hinaus und hinter die Bilder zu sehen, die wir alle durch Medien und Gesellschaft vermittelt bekommen. Das ermöglicht mir, meine eigene Sexualität in stetem Wandel zu begreifen und immer wieder neu zu erleben. Die Körperarbeit bringt mir außerdem viel Spüren und Ruhe für mein eigenes Nervensystem. Über die Jahre werde ich körperlich und emotional sensibler und durchlässiger. Das ist in der Tat ganz wunderbar und magisch. Und zugleich herausfordernd, weil es mich mit meiner eigenen Verletzlichkeit verbindet, was immer wieder Mut braucht. Es lässt mich auch meine Klient*innen, aber auch die Menschen und die Erde um mich deutlicher spüren. Was zunehmend herausfordert in der heutigen Zeit. Und auch der Einblick in all den Schmerz und die Schwierigkeiten, die mit dem Thema Sexualität verbunden sind. Es lässt mich aber auch mehr Verbundenheit spüren, was letztlich sehr befriedigend und beglückend ist und so wichtig in dieser Welt. Und ich bin einfach immer wieder begeistert, von der erotischen Kraft, der Kreativität und Vielfalt von Körpern und wie Menschen ihre Sexualität leben. Für diese Einblicke bin ich super dankbar, die gibt es einfach nirgends sonst!

 

Was sind die häufigsten Gründe, weshalb deine Klient*innen zu dir kommen?

Oh, das ist sehr verschieden. Aber Themen sind oft Unlust oder Unzufriedenheit in der eigenen Masturbation und Selbstliebe, in einer Beziehung oder intimen Kontakten, Neugier darauf, wie sich diese Bereiche kreativ entdecken und erweitern lassen, Themen rund um Orgasmus, Ejakulation und Erektion, Orgasmustraining, Sexualität und Trauma, Pornosucht, Umgang mit Fantasien und dem erotischen Kernthema, Begleitung mit Narben an Körper und Genitalien, Sexualität nach Operationen und Krankheiten, Pleasurespots, Fragen zu Genderidentität und sexueller Orientierung, Wünsche und Grenzen, Konsent und Kommunikation, Herausforderungen mit dem eigenen Körperbild und Körpererleben, taube oder hypersensibles Gewebe, anale Entdeckung, Berührungs- und Massagecoaching, Coaching in BDSM, Kink und taoistischer Sexualität.

Charis von CHEEX ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt. Ich fand die Idee ganz toll, weil ich das Angebot von CHEEX toll finde, moderne Sexeducation mit erotischem Porn zu verbinden. Die Videos sind ansprechend und divers und laden gerade junge Menschen ein, Pornos mit einem ethischen und mehr authentischen Blick zu schauen, ihre Lust zu leben und zu erforschen und auch ganz praktisch zu lernen. Das ist ganz im Sinne von Sexological Bodywork.

Der Guide beschreibt eine Massage für eine Person mit Penis. Wie sah deine Herangehensweise und der Prozess des Schreibens für dich aus? Auf welche Erfahrungen hast du dich bei der Anleitung gestützt?

Meine Hauptarbeit ist das somatische Coaching mit und ohne Berührung in Verbindung mit einem Lern- und Entwicklungsthema, und ich gebe auch seit Jahren sinnliche und tantrische Massagen. Tatsächlich habe ich am lebenden, befreundeten Subjekt massiert und dabei frei ins Mikro gesprochen. Das fällt mir am leichtesten und macht am meisten Spaß. Es war gar nicht so leicht, das in der Kürze so zu machen, weil mich eine Massage gleich in einen schönen Flow kommen lässt. Hier sollte ich mich aber auf das Wesentliche konzentrieren. Zugleich war es ein Experiment, die Bewegungen meines Körpers und die Handgriffe, vor allem am Penis, nur mit Worten zu beschreiben. Live per Video habe ich das schon gemacht. Aber hier muss man sich viel vorstellen, ohne es genau sehen zu können. Ich hoffe sehr, dass eure massierenden Zuhörer*innen dem gut folgen und die Massage auch genießen können. Und die Penisse natürlich auch 🙂

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