„Man braucht keine Vagina für eine zufriedene Sexualität.“

Wir haben mit unserer Gynäkologin Prof. Dr. Mandy Mangler (Chefärztin der Gynäkologie und Geburtsmedizin im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum und der Gynäkologie in Neukölln) und unserer Urologin Prof. Dr. med. Sabine Brookman-May (Fachärztin für Urologie, Medikamentöse Tumortherapie und Sportmedizin) über intensive Orgasmen, die Orgasmuslücke zwischen Frauen und Männern und die große Unbekannte „Klitoris” gesprochen.

Mandy, Sabine, lasst uns mit dem Wichtigsten zuerst starten:

Was sind eure Tipps, damit Menschen mit Vulva einen Orgasmus erleben?

MM:

Mein erster und wichtigster Tipp: Lerne Dich selbst kennen! Wir müssen wegkommen von der Illusion, dass die Vagina unser Sexualorgan ist. Ganz wichtig für alle Menschen mit Vulva: Deine Vulva und Deine Klitoris sind Deine Sexualorgane! Starte mit Aufklärungsbildern und -texten (Anm. je aktueller desto besser; in vielen Lehrbüchern wird die Klitoris zum Teil bis heute falsch dargestellt). Hol Dir einen Spiegel: Was siehst Du von außen? Und genauso essenziell: Was verbirgt sich im Inneren?

Zum Beispiel die Klitoris.

MM:

Genau! Ein Großteil der Klitoris ist von außen gar nicht sichtbar. Das Sexualorgan ragt noch etwa 9 cm in den Körper hinein. Von außen sieht man lediglich den sogenannten Kitzler.

Wie geht’s weiter?

MM:

Tipp Nummer 2: Berühre Deine Vulva und Klitoris, verschaff Dir lustvolle Ereignisse, indem Du Dich selbst befriedigst. Und drittens: Probier alles, was Du gelernt hast, im Anschluss mit Partner*innen aus. Sex ist nicht immer gleich Penetration, kommuniziert miteinander, werdet kreativ: Wie könnt ihr Vulva und Klitoris anderweitig lustvoll einbauen? Und, ich kann es nicht oft genug sagen: Die Vagina hat nicht viel mit unserem sexuellen Erleben zu tun. Das Äquivalent zum Penis ist die Klitoris. 

SBM:

Aus meiner Sicht auch ganz entscheidend: Sich fallen lassen können Partner*innen vertrauen und keinen Leistungsdruck aufbauen. Orgasmen sind wichtig, aber auch die Erregungsphase, das Sich-Aufeinander-Einlassen kann schön sein, ohne dass es jedes Mal zum Höhepunkt kommt.

Viele haben vermutlich schon mal den Begriff „Orgasm Gap” gehört, also die Tatsache, dass Frauen wesentlich seltener zum Orgasmus kommen als Männer. Woran kann das liegen?

SBM:

Vor allem, wenn Frauen Sex mit Männern haben, sind Orgasmen wohl für viele Frauen eher die Ausnahme als die Regel. In einer Umfrage aus dem Jahr 2018 sagte jede fünfte bis sechste heterosexuelle Frau, dass sie nur sehr selten bis nie zum Orgasmus beim heterosexuellen Geschlechtsverkehr komme. Frauen, die Umfragen zufolge häufiger kommen, nennen zwei wesentliche Faktoren für einen Orgasmus: sich aufeinander konzentrieren und dabei Zeit lassen. Umfragen haben außerdem gezeigt, dass lesbische Frauen beim Sex doppelt so oft immer zum Orgasmus kommen wie heterosexuelle und deutlich seltener nie. Bei Selbstbefriedigung gibt es dagegen keinen Unterschied zwischen hetero- und homosexuellen Frauen. Anscheinend hat die Orgasmuslücke zwischen Frauen und Männern weniger mit biologischen Unterschieden zu tun als mit der Art und Intensität der Stimulation.

MM:

Gerade in Bezug auf die Klitoris gibt es viel Halb- und Unwissen. Es herrscht immer noch der Irrglaube, dass es rein vaginale Orgasmen gibt oder dass Penetration eine lebbare Sexualität darstellt. Viele haben einfach viel zu wenig über ihren Körper und ihre Lust gelernt.

Kann man denn „lernen” zu kommen?

MM:

Auf jeden Fall! Das kann man trainieren, so wie ganz viele andere Sachen auch. Fast jede Person ist prinzipiell orgasmusfähig. Es gibt zwar nicht das eine Wundermittel, aber es hilft auf jeden Fall, sich mit dem eigenen Körper und seiner Lust vertraut zu machen (Anm. s. Tipps zu Beginn des Interviews). Und eine gut trainierte Beckenbodenmuskulatur schadet natürlich auch nicht.

SBM:

Es gibt tolle Online-Tutorials, die darüber aufklären, wie sich die Vulva stimulieren lässt oder welche Penetration besonders angenehm sein kann. Der entscheidende Punkt ist — und das hat Mandy ja schon zu Beginn angesprochen: Setz Dich mit Deinem Körper auseinander und lerne ihn kennen. Umso klarer kannst Du dann kommunizieren, was Dir gefällt und was nicht.

Gibt es Möglichkeiten, den Orgasmus zu intensivieren?

MM:

Definitiv, indem man Klitoris und Vulva maximal und lange stimuliert und einfach eine schöne Zeit hat. Sex ist Spiel und das mit allen Sinnen zu genießen, kann einem auch intensivere Orgasmen verschaffen. Die beste Technik aus meiner Sicht? Sehr viel Stimulation, in Kombination mit sehr viel Lust auf den Sexualakt, den man gerade durchführt.

Aber natürlich kann auch hier Beckenbodentraining helfen oder bestimmte Atemtechniken, die die Orgasmuswellen verlängern.

SBM:

Ein starker Beckenboden und das Wissen darüber, welche Muskeln man während des Sex so anspannt, dass man besser zum Orgasmus kommt oder diesen verstärkt, hilft enorm. Aber Vorsicht: Ist der Beckenboden zu stark angespannt, kann auch das Gegenteil passieren und die Intensität ist deutlich geringer. Finde heraus, was für Dich funktioniert und was die Intensität eines Orgasmus für Dich ausmacht: die Anzahl der Orgasmen, die Stärke der vaginalen und klitoralen Kontraktionen (= Zusammenziehen von Muskeln), der gleichzeitige Orgasmus mit Partner*innen? Die Fragen kann nur jede*r für sich selbst beantworten.

Nun hat der Monatszyklus ja großen Einfluss auf viele Lebensbereiche — auch auf den Orgasmus?

SBM:

Der Zyklus kann Einfluss darauf haben, ob und wie sie kommt. Einerseits durch hormonelle Veränderungen. Diese können sich u. a. auf die Kontraktilität (= Fähigkeit, sich zusammenzuziehen) unserer Vagina auswirken, wodurch sich der Orgasmus anders anfühlen kann. Andererseits aber auch dadurch, dass der Zyklus Einfluss auf unsere Gemütslage und damit unsere Lust haben kann.

MM:

Beispielsweise gibt es viele Menschen mit Uterus, die um die Zeit des Eisprungs sehr aktiviert und sexualisiert sind. Deshalb kann es sein, dass sie da höhere Lust empfinden. In der 2. Zyklushälfte ist man manchmal ein bisschen müder und hat unter Umständen nicht so viel Lust auf Sex. Manche mögen während der Menstruation keinen Sex, andere sind total heiß drauf. Es gibt Menschen mit Uterus, die sich beim Sex während der Menstruation besser gehen lassen können, weil es dann sehr unwahrscheinlich ist, dass sie schwanger werden.

Was passiert eigentlich im Körper, wenn man kommt?

MM:

Ebenso wie die Sexualität, ist auch der Orgasmus ein unglaublich komplexes Phänomen. Während des Sex gibt es unterschiedliche Erregungszustände. Diese folgen einem bestimmten Muster und lassen sich in vier Phasen einteilen:

Ein Orgasmus löst ein Feuerwerk an Hormonen aus: Oxytocin, Prolaktin, Endorphine, Adrenalin werden ausgeschüttet. Das wirkt sich nicht nur positiv auf die Stimmung aus, sondern ganz allgemein auf die Lebensqualität. Es gibt zahlreiche Studien darüber, wie extrem hilfreich Orgasmen für die mentale und körperliche Gesundheit sind.

SBM:

Bei manchen Personen mit Vulva kommt es außerdem zur Ejakulation, manchmal auch Squirting oder Gushing genannt. Doch eigentlich sind das zwei verschiedene Vorgänge. Bei der Ejakulation von Personen mit Vulva wird eine dicke Flüssigkeit von den Skene-Drüsen abgesondert. Diese Drüsen sind allerdings nicht bei allen vorhanden, weshalb auch nicht jede Person mit Vulva eine Ejakulation haben kann. Squirting dagegen bedeutet, dass eine oft geruchlose, klare Flüssigkeit in größeren Mengen aus der Blase austritt. All das kann vorkommen, muss aber nicht.

Viele von uns kennen das: Ist man frisch verliebt, ist das Verlangen groß. Aber wie ist das mit dem Orgasmus:

Gibt es aus eurer Sicht Unterschiede zwischen den Höhepunkten von frisch Verliebten und Menschen, die schon länger in einer Beziehung sind?

MM:

Es gibt einige Studien dazu, die zeigen, dass Orgasmen zu Beginn einer Beziehung nicht so wichtig sind. Das mag daran liegen, dass man am Anfang so begeistert von der anderen Person ist. Dann ist es oft egal, ob man Orgasmen hat oder nicht. Später merkt man dann aber: Hoppla, mir sind Orgasmen irgendwie doch wichtig! 

SBM:

Für viele Personen mit Vulva verändert sich die Intensität oder Art des Orgasmus generell im Laufe des Lebens. Orgasmen können sich immer wieder anders anfühlen und natürlich kann das auch damit zusammenhängen, wie offen und vertraut man in einer Beziehung miteinander umgeht.

Wie kann sie Orgasmen haben, ohne Sex zu haben?

MM:

Das ist eine interessante Frage, weil sie impliziert, dass Sex gleich vaginale Penetration ist. Davon wollen wir ja wegkommen, daher würde ich das anders formulieren. Aus der Perspektive der Person mit Vulva betrachtet, braucht es keine Vagina für eine zufriedene Sexualität. Und Penetration ist, obwohl die Gesellschaft oft etwas anderes impliziert, überhaupt nicht wichtig für unsere Lust und Sexualität. Penetration ist gut und kann etwas sehr Inniges und Verbindendes sein. Aber sie löst bei den meisten Menschen mit Klitoris keinen Orgasmus aus. Man muss nichts in die Vagina stecken, man braucht nur die Vulva. Und manchmal noch nicht einmal die: Manche bringt auch die Stimulation anderer Körperteile, wie z. B. Ohren oder Nippel, zum Orgasmus. Und einige wenige schaffen es sogar komplett ohne körperliche Berührung zum Höhepunkt.

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