Affect-Theory

Nach dem klärenden Gespräch hatte sie noch hinterhergeschoben, dass es ja auch im Bett nie so richtig gut funktioniert habe. Der junge Mann hob verzweifelt die Arme: 

"Aber ich wollte ihr halt keine Schmerzen zufügen".

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Das illustriert gut, wie unterschiedlich die Vorlieben von Menschen im sexuellen Spektrum sind und welche Gegensätze da manchmal aufeinander treffen können.

Für die junge Frau war der Schmerz vielleicht etwas, das sie im Moment hielt, das ihr die Möglichkeit gab Kontrolle abzugeben und sich in eine Situation hineinfallen zu lassen. Für den jungen Mann war es schlicht befremdlich.

In den 80er- Jahren hat sich die sogenannte “Affect Theory” entwickelt, die im groben besagt, dass es neun Affekte gibt, die sich in Positiv, Negativ und Neutral einteilen lassen. Positiv sind beispielsweise Vergnügen und Interesse. Negativ hingegen Angst, Wut, Ekel oder Scham. Für ein gesundes Leben sei es unabdingbar, dass die positiven Affekte überwiegen. Wir nehmen Affekte unbewusst und über den Körper wahr, weswegen man auch immer wieder auf Freuds Theorie der Triebe stößt, wenn man beginnt sich mit Affekten zu beschäftigen. Doch auch dazu gibt es wiederum unterschiedliche Theorien. So findet der Term Affekt in vielen geisteswissenschaftlichen Disziplinen Anwendung, wird jedoch überall unterschiedlich verwendet. Eine besagt, dass der Trieb aus dem Affekt entsteht.

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Eine andere, dass es genau umgekehrt sei und erst der Trieb den Affekt formulieren würde. Sicher ist: Wir lesen und verstehen unsere Welt durch Affekte, die sich nicht bewusst steuern lassen.

Interessant für die “Porn Studies” ist der Begriff, weil dort grundsätzlich negativ besetzte Affekte, wie Angst oder Scham, plötzlich auf- und erregend sein können.

Bisher wird der Zusammenhang von Affekten und Sexualität größtenteils in einem queeren Kontext diskutiert. Dabei sind die Erkenntnisse, die aus ihnen folgen können allgemeingültig und können uns weitaus mehr über Vorlieben und Abneigungen, und dadurch auch mehr über uns als Gesellschaft, erzählen. Denn im Grunde funktioniert Pornografie, die ja nicht im luftleeren Raum entsteht, über die unterliegenden und subtilen Strukturen einer Gesellschaft, als dass sie eine Gesellschaft tatsächlich abbilden oder repräsentieren würde. Genau, weil das eben nicht ihr Anspruch ist.

Man wirft der Pornografie viel vor. Sie würde Bilder der Macht und Stereotype reproduzieren und damit manifestieren. 

Und es stimmt: Im Porno wimmelt es von Rassismus, Klassizismus und nun ja, offensichtlich, auch Sexismus.

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Doch man kann das auch anders betrachten und es so sehen, dass der Porno lediglich das sichtbar macht, was eh an “Ismen” in der Gesellschaft vorhanden ist. Es ist quasi wie mit der Henne und dem Ei. Was war zuerst da? In diesem Fall ist das leicht zu beantworten, denn der Porno speist sich aus der Realität einer Gesellschaft und wirkt, wie ein Brennglas. Denn, und das ist das spannende, alles, wirklich alles, kann erotisch besetzt sein. So ist es natürlich auch relativ schwer, herauszubekommen wer, was mag und noch viel schwerer warum. Deswegen sind wissenschaftliche Erhebungen dazu, wer welche Sachen mag und warum, kaum möglich.

Aber wenn man sich die meistgeklickten Videos auf den gängigen Pornoseiten anschaut, dann ist das, zumindest in Deutschland: “German”, “Deutsch” und auf Platz 3 “Mom”. Pornografie arbeitet mit Stereotypen, mit Bildern oder vielleicht sogar Archetypen und Repräsentanten bestimmter Gruppierungen und Untergruppierungen, anstatt mit komplexen, eigenständigen Figuren. Deswegen verrät sie so viel über das, was eine Gesellschaft ausmacht, worüber sie aber nicht so gern spricht und was ihr vielleicht auch ein wenig unangenehm ist.

Und so gilt wohl das, was eh immer gilt: Erlaubt ist was gefällt und wozu alle Beteiligten ihr Einverständnis gegeben haben.

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Schlussendlich werden wohl auch der junge Mann und die junge Frau schon bald Partner*innen finden, mit denen sie ihre jeweiligen Vorlieben ausleben können, um die positiven Affekte in ihrem Leben zu maximieren. Wie auch immer diese aussehen mögen.

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